Neulich beim Friseur. Gespräch zum Mindestlohn.

Neulich beim Friseur. Gespräch zum Mindestlohn.

Regionaler Aufschwung durch Mindestlohn? „Erzähl das deinem Friseur.“

„Wissen Sie, dass Friseurinnen ganz oben rangieren in der Jobzufriedensheitsscala?“ frage ich meine Friseurin beim letzten Besuch. Nein, wusste sie nicht, wird wahrscheinlich am Kundenumgang liegen, den Gesprächen und den vielen Neuigkeiten.  Mit dem Lohn jedenfalls könne es nichts zu tun haben. „Noch nicht,“ sage ich mit dem Hinweis auf den in Kürze zu zahlenden Mindestlohn. Sie lacht und hebt die Schultern. Nein, ich will nicht wissen, was sie jetzt verdient.

beim friseurZwölf Euro für einen Rundschnitt mit sauberer Ausrasur, Brauenzupfen und Entfernung der Büschelchen aus Nase und Ohren ist auch nicht wirklich viel. Für mich nicht, für viele andere schon. Womöglich wäre es auch für sie, meine Friseurin, zuviel?
Geiz ist geil! Es lebe billig! Last-Minute-Schnäppchen-Schnitt ohne Wartezeit! Sie, meine Friseurin kennt sie alle, diese Sprüche: „Viele möchten Dienstleistungen am liebsten für umsonst,“ meint sie. Deshalb hofft sie: „Vielleicht bringt der Mindestlohn ja was für die Region?“

Ob sie wohl zu jenen gehört, für die sich nichts ändern wird durch die Einführung des Mindestlohns?
Immerhin 1,3 Millionen Menschen beantragen schließlich aktuell eine Ausstockung im Jobcenter, weil sie vom Lohn nicht leben können. Deren Problem ist die wenige Stundenzahl, die sie wöchentlich arbeiten, nicht der Lohn. Das IAB hat errechnet, das sich mit Einführung des Mindestlohns für ganze 95% dieser Menschen, die sogenannten Aufstocker, nichts ändern wird. Sie bleiben Aufstocker. Etwa ein Drittel von ihnen arbeite schon vor der Einführung für mehr als 8,50 € die Stunden, aber eben nur ein paar Stunden täglich.

Ob nun nahezu 4 Millionen Menschen ab 2015 vom Mindestlohn tatsächlich „profitieren“, wie von der großen Koalition verlautbart, können wir nicht wissen. Was wir aber schon wissen ist, dass mehr als 6 Millionen davon nichts haben werden:
1,3 Millionen Aufstocker, 1 Million Hartz-IV-Empfänger (die dies seit 10 Jahren ununterbrochen sind), 1 Million in Umschulungs- und Beschäftigungsmaßnahmen, 3 Millionen Arbeitslose.

Ob und in welcher Gruppe davon sich nun meine Friseurin bei meinem nächsten Besuch befinden wird…hoffentlich in keiner. Denn wir möchten doch eine Antwort auf ihre Frage haben: „Vielleicht bringt der Mindestlohn ja was für die Region?“
Bestimmt. Mindestens einen Rundschnitt mit sauberer Ausrasur, Brauenzupfen und Entfernung der Büschelchen aus Nase und Ohren.

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About The Author

REINER ECKEL Jahrgang 1953, wohnt in Zeitz. Der Web 2.0-Enthusiast ist in Sachen Web, Grafik und Layout als Autodidakt unterwegs. Betreibt zeitzonline.de seit 23. Februar 2011.

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2 Comments

  1. Jürgen Maiwald

    Das Problem der „Aufstocker“ wird in Verbindung zum Mindestlohn von der sog. Politik geflissentlich nicht thematisiert. An der Situation der Betroffenen ändert sich nichts, Durch den Mindestlohn sinken natürlich die Kosten der Arbeitsagenturen für die Aufstockung. Wer profitiert davon? Den medialen Manipulatoren ist es inzwischen auch gelungen eine Art Pawlowschen Reflex zwischen Mindestlohn und Friseurgewerbe herzustellen. Die damalige“Auftaktveranstaltung“ von Nahles fand folgerichtig im Friseursalon und nicht im Schlachthof statt. Wo wurden und werden mit Dumpinglöhnen Riesenprofite generiert? Im Friseursalon? Wo bleiben die realen Größenverhältnisse? Profitieren etwa 5 Millionen Friseurinnen vom Mindestlohn? Hübscher Zusammenhang übrigens in dieser Branche. Muss die sich auch noch selbst ausbeutende Friseurmeisterin die Preise erhöhen,verlängern die Kunden ihre „Terminfrequenz“, d.h. sie kommen nun noch alle 6 statt 4 Wochen. Das führt zu „Leerzeiten“ bei den angestellen Friseurinnen, d.h. in der Folgen – die Arbeitszeit wird weiter reduziert. Damit steigt dann wieder der Zuschuss für die Aufstockung. Mal sehen, wie das in der Fleischindustrie, dem Einzelhandel oder industriellen (Putz) Dienstleistungen funktioniert.

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    1. Reiner Eckel

      Genau, weil es geflissentlich übersehen wird, hab ich es thematisiert.
      Wie das in anderen Branchen läuft wissen wir inzwischen ja auch. Nämlich genau so. Die Arbeitszeit wird abgesenkt. Von Reinigungsfirmen ist bekannt, dass sogar derweil in den Normblättern dasselbe steht. Heißt: für weniger Geld in kürzerer Zeit dasselbe leisten wie zuvor. Was bleibt?: erhöhte Krankenstände, frühzeitige Alterung, psychische Schäden, Altersarmut trotz lebenslanger Höchstleistung.
      Die gern bediente Floskel „Leistung muss sich lohnen“ – eine Farce.

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