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Eine Art Zeitzmograph

Eine Art Zeitzmograph

Was rund um den Kampf ums Klinikum noch passierte

Tage der Erschütterungen, die Tausende in Zeitz auf die Straße trieben. Erst die Insolvenz des Klinikums, dann die Nachricht über die drohende Schließung von Gynäkologie, Geburtenhilfe und Kinderklinik. Gelöst wurde der Konflikt politisch. Zunächst, denn wer genau hin sieht und zu hört, der weiß – es geht um mehr.

σεισμος seismós kommt aus dem Griechischen und bedeutet ‚Erschütterung‘, über γράφω grapho ‚schreiben‘ kommen wir zum Seismometer, heute Seismograph, der seismische Wellen messen kann. Sind auch gesellschaftliche Erschütterungen messbar?

Denkwürdige Tage mit deutlichen Signalen

Wer sich darauf einlässt, dem zeigten diese denkwürdigen Tage noch viel mehr als „nur“ den Kampf um das Zeitzer Klinikum. Sie zeigten, was aus gesellschaftlichen Erschütterungen werden kann, wenn aus den Aufzeichnungen ihre längst sicht-, spür- und hörbaren Zeichen nur lange genug ignoriert werden. Eine Art Zeitzmograph, der uns endlich und kurz vor einem schlimmeren Ausbruch klare Signale setzt.

Die Daten. Das Hören. Das Sehen

Zeitzmograph? Messbare Erschütterungen? – ja, natürlich.
Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, Bevölkerungsentwicklung, Kaufkraft, Einnahmen aus personenbezogenen Steuern, Anzahl Bedarfsgemeinschaften, Anteil Hochqualifizierter, Leerstandsprognosen…alles messbare und gemessene Daten, die eine klare Sprache sprechen: Zeitz ist eine der strukturschwächsten Gegenden Deutschlands. Das, was an Erschütterungen nicht messbar ist, du kannst es auf den Straßen hören und sehen. Ein Zeitzmograph, der viel erzählt über die Menschen hier.

Demut hat auch Grenzen

Und die, die Zeitzerinnen und Zeitzer? Sie ertrugen in Demut einiges an Erschütterungen, die ganz großen wie die kleineren. Schlimme Folgen aus der Transformation der Neunziger, verlorene 18.000 Industriearbeitsplätze in nur sechs Jahren, Verlust des Kreisstadtstatus, Ämterverlust, Abwanderung und, und, und. Weshalb ZeitzerInnen Unzumutbares in Demut ertrugen, es hatte oft mit Hoffnung zu tun.
Etwa die sehr aktuelle Hoffnung, was sich seit ein paar Jahren wie Aufschwung anfühlt würde durch die Millionen aus dem Kohle-Strukturwandeltopf endlich festgeklopft und vom gefühlten zum realen Aufschwung werden. Dann die Nachricht über die Domreinigung in Naumburg und den Bau einer Straße in Bad Kösen aus eben diesem Topf. Dann die Nachricht von der Klinikinsolvenz. Dann die Nachricht über die Verlegung von Stationen in Zeitz – der Zeitzmograph schlug aus wie wild. Ende der Demut. Das Maß ist voll.

Was nun mit dem Befund des Zeitzmographen?

Einen akuten Konflikt wie den um das Zeitzer Klinikum kurzfristig politisch zu lösen, ist eine Möglichkeit. Eine, die nicht Schule machen sollte, denn sie ist alles andere als nachhaltig. Was einzig hilft ist, von der Ankündigungspolitik weg zu kommen, im bevorstehenden Strukturwandel Nägel mit Köpfen zu machen, mit konkreten Projekten langfristig spürbare Veränderungen einzuleiten. Und zwar für diese Region hier.

Was ließ der renommierte Schauspieler Michael Mendl seinen Erzengel Michael alias Beat Tonilo in seiner Schmähschrift am Dienstag sagen?:
„…OHNE Neugeburten ist wie ein „Zukunftsinstitut Zeitz“ ohne Zukunft, eine Fehlgeburt – ohne Ort, in dem „das Leben von Morgen eben nicht neu gedacht und entwickelt wird…“
Wie Recht er damit hat. Ende der Demut. Der Zeitzmograph ist aufgestellt und registriert – wachsam und unablässig.

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About The Author

REINER ECKEL Jahrgang 1953, wohnt in Zeitz. Der Web 2.0-Enthusiast ist in Sachen Web, Grafik und Layout als Autodidakt unterwegs. Betreibt zeitzonline.de seit 23. Februar 2011.

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1 Comment

  1. Günter Eckel

    Das genau ist es, was den für ganz Deutschland – und Europa – politisch Verantwortlichen und Mächtigen fehlt, ein Saismograph für den Grad der Spannungen und Erschütterungen in der Gesellschaft! Professor Görner, Drehbuchautor der Erich-Loest-Verfilmung „Nikolaikirche“ (Vorführung gestern Abend im ifm Wolfen (http://www.ifm-wolfen.de/de/homepage/8-wolfener-filmtage-20004243.html) brachte es im Podiumsgespräch mit einem Bild auf den Punkt: Einen kleinen Riss im ewigen Grönlandeis kann man ein paar Tage lang sehen, bevor er vom Schnee wieder zugeweht wird. Wird er größer, schaffen das Wind und Schnee nicht mehr, aber man will sich an den Anblick gewöhnen, um nicht handeln zu müssen. Plötzlich ist er so groß, dass er nur noch von Erwachsenen übersprungen werden kann oder von Schlittenkufen zu überwinden ist, denn um ihn einfach zu umgehen ist er schon zu endlos lang geworden, für Heranwachsene ist er lebensgefährich tief – und bedrohliche Geräusche sind nicht mehr zu überhören. Unsicherheit, Ohnmachtsgefühl und Zukunftsangst machen sich breit. Ist es zu spät? Dann der Crash! Was so lange als sicherer Lebensraum schien, bricht weg, Chaos hinterlassend.
    Mit dem dramatischen Ende der DDR und der Taubheit ihrer Parteinomenklatura hat das bundesrepublikanische HEUTE sicher nichts zu tun, aber man muss schon blind und taub sein, um die große Zahl politischer Sackgassen und schmerzender Wunden im Gesellschaftsgefüge übersehen zu können! Zu viele wichtige, die Lebensqualität ausmachende Gesellschaftsaufgaben sind „privatisiert“, also dem Markt, dem Gewinnstreben, ausgesetzt oder sie sind derart fehlorganisiert, fehlfinanziert, dass sie ihre Zielsetzungen meilenweit verfehlen. Die Pflege, die Gesundheitsfürsorge, die Kinderbetreuung, die Energieversorgung, die Eisenbahn – wichtige Lebensgrundlagen gehören nicht in den Mechanisms der allgegenwärtigen Profitmaximierung. Das wiederkehrende Geschwafel von einer notwendigen „Rente mit 70“ ist einer der deutlichen „Risse“ im Gefüge angesichts der haarsträubend ungerechten Finanzierung dieses uralten Generationenvertrages und angesichts eines Steuersystems, das Arm und Reich gegeneinander stellt, die Kommunen ruiniert und das Klima vergiftet.

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