Unvermutete Aussichten

Unvermutete Aussichten

Interview mit Hans-Joachim Richter zum Goethepark

 

Wo sich Menschen tummeln ist für Verwahrlosung kein Platz. Fotos Goethepark im Sommer 2017.

Gerade wieder heiß diskutiert, öffentlich sogar als gefährlicher Ort beschrieben und als Park inmitten der Stadt nicht gerade ein Aushängeschild – der Goethepark. Im letzten Jahr zur 1050-Jahrfeier kurzzeitig zum lebhaften Familienpark aufgeblüht dümpelt er vor sich hin, vergammeln wertvolle Grabstätten. Vom Stadtrat mit der Erarbeitung eines Konzeptes beauftragt hat es die Stadtverwaltung nicht vermocht, dem augenfälligen Siechtum ein Ende zu bereiten. Entschuldigt wird diese Untätigkeit mit dem Hinweis auf zu hohe Kosten. Kann es an den Kosten hängen? Wie die geschichtsträchtige Anlage wieder ins Licht heben? Gibt es womöglich noch ganz andere Möglichkeiten, diesen Park zu einstiger oder neuer Schönheit zu verhelfen? Darüber sprechen wir mit Hans-Joachim Richter.
Der, nicht erst seit seinem Buch  „Passion Zeitz – Arthur Jubelt – Vision und Wirklichkeit“ (2015/2017) als profunder Geschichtskenner bekannt, verfügt über konkretes historisches Wissen, unzählige historische Dokumente und bildnerisches Material zu unserer Stadt.

ZeitzOnline: Herr Richter! Unser letztes Interview, wo es um den umstrittenen Abbruch des zur Zeitz-Ikone avancierten Hausdenkmals Brühl 5 ging, liegt schon ein halbes Jahr zurück. Seitdem sind die Probleme in Zeitz nicht weniger geworden.

  1. Was fällt Ihnen zum Thema Goethepark ein?

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    Jede Menge und manchmal wünschte ich mir, man würde davon gelegentlich Gebrauch machen.
    Ehe wir auf den Goethepark zu sprechen kommen, möchte ich, wenn Sie erlauben, in eigener Sache eine Information voranstellen.
    Ich bin dabei, einen eigenen Internet-Blog einzurichten, um mir die Möglichkeit der freien öffentlichen Meinungsäußerung zu erhalten bzw. zu schaffen und von den Vorstellungen der Lokalpresse nicht mehr abhängig zu sein.

    Hans-Joachim Richter

    Autor & Heimatfreund

  2. Sehe ich das richtig, Sie wollen die gern genommenen Leserbriefe nicht mehr anbieten?

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    So ist es. Zumindest, was den Zeitzer Lokalteil angeht. Außenstehenden wird das unverständlich erscheinen. Denn immerhin wurden in den letzten 25 Jahren von mir mehr als 100 Beiträge (Leserbriefe, bis hin zu ganzseitigen Darlegungen) in der Lokalpresse veröffentlicht.

    Hans-Joachim Richter

    Autor & Heimatfreund

  3. ...eine Überreaktion vielleicht? Oder was war der Auslöser?

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    Ein klares Nein. In Anbetracht des Stresses, der mit meinen Beiträgen seit den 1990er Jahren verbunden ist, kommt meine Reaktion im Grunde viel zu spät.
    Zunächst einige Bemerkungen zum Auslöser: Auf mehrfache Nachfrage erhielt ich Ende Juli die Ablehnung meines Leserbriefes zur Artikelserie über Günter Mayr, die den Lokalteil von April-Juni 2018 dominierte. Bereits zu diesem Zeitpunkt war für mich nicht vorstellbar, dass den drei in ihrer lähmenden Ausführlichkeit und mit zähem Wiederholungseifer in Wort und vielen Bildern verfassten großformatigen Beiträgen noch weitere folgen könnten. Sie folgten. Meine Ansicht wich von der vehementen Forderung des Autors ab, den Namen für die hintere Vater-Jahn-Straße, die 1946-1991 Günter-Mayr-Straße hieß, beizubehalten bzw. wieder aufzunehmen. Mir missfiel auch die über ein vertretbares Maß hinaus gehende ideologische Vereinnahmung des Themas. Offensichtlich zu viel eigene Meinung eines kritischen Lesers.

    Ich lese Ihnen den Brief mal vor, vielleicht kommt er so ja doch noch an die Öffentlichkeit:

    "Nach Günter Mayr (1925-1945), dessen Schicksal zweifellos traurig endete, der aber mit Zeitz, bis auf seine Geburt und Grab, wenig zu tun und keine Spuren hinterlassen hat, eine Straße benennen zu müssen, wie der Autor es heftig einfordert, halte ich für reichlich übertrieben.

    Dass dies 1946 dennoch zu Lasten eines Teiles der Vater-Jahn-Straße geschah, hatte ideologische Gründe und wurde 1991 zu Recht korrigiert. Das hat weder mit „typischer Bilderstürmer-Manier“ noch mit „pietätloser Leichtfertigkeit“ etwas zu tun. Hier vergreift sich der Autor gehörig.

    In Günter Mayr sehe ich eine Parallele zu Werner Gerhadt, der ebenfalls zwanzigjährig, 1932 in Zeitz durch Kommunisten zu Tode kam und von den Nazis als willkommener „Blutzeuge“ ihrer Bewegung maximal inszeniert wurde. Ein nach ihm benannter Weg avancierte zur Kultstätte. An seinem Gedenkstein fanden Weihen statt. 

    Wenn auch wenig überzeugend, versuchte die SED dem „Jungnazi“ Werner Gerhardt ihren „Jungkommunisten“ Günter Mayr entgegenzusetzen.

    Mit drei beinahe ganzseitigen und zusätzlichen Beiträgen reizte meines Erachtens die MZ das öffentliche Interesse am substanzarmen Thema Günter Mayr hinreichend aus. Mehr geht einfach nicht.

    Hans-Joachim Richter, Leipzig, den 27. Mai 2018"

    Hans-Joachim Richter

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  4. Und sonst, Ihr künftiger Blog und die Öffentlichkeitsarbeit?

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    Vielleicht konnte ich Ihnen verständlich machen, dass ich es leid bin, meine Meinung zu den Vorgängen in Zeitz zensieren und vom Wohlwollen einzelner abhängig sein zu lassen.

    „Was für eine Erleichterung mit offenem Herzen sprechen zu können …“ (Augusta, Frau des dt. Kaisers Wilhelm II., an ihre Schwägerin, Elisabeth v. Preußen) hieß es gestern in einer Einladung von der „Königin Elisabeth von Preußen Gesellschaft“. Diese emotionale Aussage trifft meine Stimmung auf den Punkt. Sie können sich also vorstellen, welche Hoffnungen auf meinem Internet - Blog (Herbst 2018) ruhen, der mir hoffentlich Gelegenheit geben wird, zur Erbauung und zum tätigen Ansporn möglichst vieler Menschen, die es mit Zeitz gut meinen, beizutragen.

    Hans-Joachim Richter

    Autor & Heimatfreund

  5. Zum derzeitgen Ärgernis Goethepark. Sehen Sie ein Ende? Wie könnte es aussehen?

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    Nicht selten erlebe ich Gärten, Parks und Friedhöfe, die als „ein Ausdruck der sozialen und kulturellen Identität einer Stadt“ gelten. Aber ich kenne keinen Friedhof oder Stadtpark, der so schäbig und zerschlissen aussieht, wie unser einst edler „Friedenspark“, wie ich ihn immer noch nenne. Nicht anders beim Schwanenteich, den es in 100 Städten gibt. Mein Vater, der ihn 1936 anlegen ließ, würde sich schämen für Zeitz. Der Schwanenteich im Leipziger Zetkinpark, in dessen Nähe ich wohne, hatte ähnliche Probleme und wurde 2017/18 zu einem Vorzeigeobjekt hergerichtet. Zeitz fällt es leider schwer, den fachlichen Austausch mit erfolgreichen auswärtigen Gestaltern zu suchen, schmort im eigenen Saft oder um beim Schwanenteich zu bleiben, im eigenen Schlamm. Das Gute läge auch für Zeitz so nah!

    Hans-Joachim Richter

    Autor & Heimatfreund

  6. Haben Sie Vorstellungen zur Lösung dieses Gordischen Knotens - Goethepark?

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    Für alles lässt sich eine vernünftige Lösung finden, so lange der Wille da ist. Den aber sehe ich nicht. Anstatt eines entschlossenen Anfangs, versteckt sich die Stadtverwaltung hinter den vermeintlichen Kosten, stellt irrationale Summen in den Raum, die jeden Beginn im Keime ersticken.

    Ich stellte am 2017 in einem Leserbrief fest, dass die Bevölkerung wissen will, was geht und nicht, was nicht geht. Dafür traten auch die Stadträte an. Aber selbst von einem im Rathaus am 26. Januar 2015 mit großer Mehrheit verabschiedeten Konzept der SPD zur Goetheparkinstandsetzung hört man nichts mehr, setzte die Verwaltung nichts um. So kann es doch nicht gehen.
    Die Stadt entwickelt weder den Willen noch die Fähigkeit, einen Gordischen Knoten lösen zu können. Wäre der Friedenspark ein Haus, wie das Denkmal Brühl 5 - kein Problem für Zeitz. Aber der Friedenspark lässt sich nicht so einfach auslöschen und dürfte den Verantwortungsträgern noch einige Mühe abverlangen.

    Hans-Joachim Richter

    Autor & Heimatfreund

  7. Was sollte die Stadt machen, wenn ihr die 25 T€ für Gutachten fehlen?

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    Gut, dass Sie diesen Punkt konkret ansprechen. Im MZ- Interview mit Theo Immisch, Leiter des Technischen Zeitz, hieß es am 3. Juli 2018, eine „denkmalpflegerische Zielstellung“ sei Voraussetzung für Fördergelder vom Denkmalamt.

    Ich frage mich, wozu eine solche Geldausgabe? Warum müssen wir die Formulierung einer „denkmalpflegerischen Zielstellung“ für viel Geld an Leute von außerhalb delegieren, die den Park wenig kennen dürften? Im Gewandhaus sitzen Dutzende qualifizierte Mitarbeiter. Sind sie sich nicht im Stande, der Stadt diesen Betrag zu ersparen? Vielmehr nehmen sie diese fiktiven 25 T €, die sie nicht haben, als Grund dafür, gar nicht erst anfangen zu müssen bzw. zu können. Auch die Erstellung eines Leitbildes für unsere Stadt gab man an einen „geeigneten Dienstleister“. Kann und will die Stadt überhaupt noch was selbst machen?

    Hans-Joachim Richter

    Autor & Heimatfreund

  8. Kritisieren ist leicht. Wie ist Herrichtung, Ordnung, Sicherheit und Pflege zu leisten?

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    Seit 1902, als der obere Johannisfriedhof zum Friedenspark umgestaltet wurde, war bis 1989 eine regelmäßige Pflege des Rasens, der Wege und Bäume organisiert. Mehr wäre heute auch nicht nötig. Im Grunde ein überschaubares Projekt, über das im o. a. Stadtratbeschluss alles Notwendige behandelt ist. Es fehlt nur der ernsthafte Wille zur Umsetzung. Eine ins Spiel gebrachte Hallesche Firma kann uns diese auch nicht abnehmen. Für wenig hilfreich erachte ich deren „vorsichtigen Kostenvoranschlag“ von 3 Mill. €. Will man etwa die Grabsteine vergolden?

    Die Stadt hat wenig Geld. Also muss eine sparsame, ordentliche Lösung her. Dass dem redlichen Bemühen, ein sinnvolles eigenes Konzept realisieren zu wollen, vom Landesamt nicht befürwortet und finanziell unterstützt würde, kann mir keiner erzählen.

    Hans-Joachim Richter

    Autor & Heimatfreund

  9. Die glückliche Lösung für den Goethe-, meinetwegen auch Friedenspark, sähe wie aus?

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    Den Schlüssel für eine intelligente nachhaltige Lösung sehe ich in einem völlig neuen Ansatz in der Sicht auf die vernachlässigten Jugendlichen, die im Goethepark heimisch geworden sind und für die beklagten Ungereimtheiten verantwortlich gemacht werden. Die „neue Zukunft“, d. h. einen ästhetischen Grundzustand des Parks zu gewährleisten und zur Normalität werden zu lassen, kann nur in Zusammenarbeit mit ihnen, den vermeintlichen „Belagerern“, „Störern“ und „Zerstörern“ und nicht gegen sie erreicht werden. Anders kommt aus diesem Zeitzer Kleinod die Asozialität nicht heraus. Wie ich finde, eine höchst reizvolle pädagogische Aufgabe mit dem Anliegen:

    • sie neugierig zu machen, anzureizen, aufzuklären, zu gewinnen,
    • die Beaufsichtigung und den Schutz des Parks zu ihrer Sache zu machen,
    • ihnen Verantwortung zu übertragen,
    • ihr Selbstwertgefühl zu stärken, Stolz zu entwickeln,
    • Ehrgeiz und Kreativität zu mobilisieren,
    • ihnen Anerkennung, Öffentlichkeit zu verschaffen,
    • Wissen über „ihren“ Park zu vermitteln u. v. m.

    Eine Schule sollte das „Projekt“ federführend unter Nutzung bestehender Netzwerke und Möglichkeiten entwickeln.

    Die Vielfalt der Möglichkeiten des auf sie Zugehens und mit ihnen Kommunizierens - der gemeinsamen Erstellung eines „Friedensplanes“ und dessen koordinierte Umsetzung - ist zu komplex, als sie in unserem Gespräch näher beleuchten zu können. Eine „Pecha Kucha Nigth“ würde ich als ein geeignetes Repräsentationspodium erachten. Wie wäre es, von der Utopie den Schritt zur Zeitzer Realität zu wagen? .

    Hans-Joachim Richter

    Autor & Heimatfreund

  10. Zu den ramponierten Grabmälern: was sollte mit ihnen geschehen?

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    Alles, sie nur nicht in das Franziskanerkloster umsetzen. Der Park verlöre seine Seele. Übersehen wird, dass die im Kirchenchor aufgestellten Grabsteine gegenüber dem 1940er Zustand kaum weniger gelitten haben, als die im Freien.
    Die Verwitterung ist bei den meisten Grabsteinen ohnehin so weit fortgeschritten, dass ich ein „in Ruhe Restaurieren“, wie es Rudolph Drößler vorschlug, egal wann und wo, für ineffektiv und illusorisch halte. Dagegen sollte  die Reinigung oder Aufrichtung einiger Grabsteine schon ins Auge gefasst werden.

    Unter Anleitung könnten die Jugendlichen dabei gute Dienste leisten, vielleicht mit dem Anreiz einer Vergütung. Zu erwarten wäre dann zumindest, dass sich diese Jugendlichen erneuten Beschmutzungen in den Weg stellen würden.

    Hans-Joachim Richter

    Autor & Heimatfreund

ZeitzOnline: Was soll ich sagen, erstaunliche Ansätze und unvermutete Aussichten. Nachhaltige Motivation von Jugendlichen zum Wohl, nicht nur des Parks. Wer weiß, vielleicht sieht sich die Stadtverwaltung angesprochen und überprüft ihr eigenes Zutun?

Klingt ja insgesamt verheißungsvoll nach einer möglichen Trendwende, so man es anpacken will. Bin sehr gespannt auf die Reaktionen!
Das bedeutende Delbrück-Grabmal und weiterführende Fragen sollten wir im nächsten Gespräch behandeln.

Danke für die offenen Worte.

Fotos von Hans-Joachim Richter

Das Gespräch führte unser Redakteur Reiner Eckel

Fotos: Hans-Joachim Richter (5), Reiner Eckel (4)

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About The Author

REINER ECKEL Jahrgang 1953, wohnt in Zeitz. Der Web 2.0-Enthusiast ist in Sachen Web, Grafik und Layout als Autodidakt unterwegs. Betreibt zeitzonline.de seit 23. Februar 2011.

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