Naumburg entdeckt einen Vergessenen

Naumburg entdeckt einen Vergessenen

28.8. bis 12.11.16 / Galerie im Schlösschen Naumburg

Erwin Müller (1893-1978)

„Als Erwin Müller 1978 in Naumburg starb, war er als Künstler – und eigentlich auch als Mensch – längst vollständig in Vergessenheit geraten. (…)
Er ist ein Lehrbuchbeispiel für die Maler einer verlorenen Generation, die im kollektiven Gedächtnis weder der Tschechoslowakei noch der DDR einen Platz finden sollten.“

Die Ausstellung, die ab 28. August in der Galerie im Schlösschen am Naumburger Markt gezeigt wird, stellt den hoffnungsvollen jungen Maler Erwin Müller der Zwischenkriegszeit vor, dessen Werk nur mit viel Glück und der Hilfe tschechischer Freunde erhalten geblieben ist.

Rufer in der Wüste
Rufer in der Wüste

Die ausgestellten Bilder kommen aus der Regionalgalerie Liberec und aus Privatsammlungen der böhmischen Stadt, wo sich ein Teil seines Werkes trotz der widrigen Umstände erhalten hat. 2014 stellte das Liberecer Museum die erste große Ausstellung mit Werken Müllers zusammen. Vorausgegangen war eine mehrjährige Forschungsarbeit der Ausstellungskuratorin Anna Habánová. In Naumburg wird die Ausstellung nun in ähnlichem Umfang gezeigt werden.

Liberec/Reichenberg hat damit einen Teil der eigenen, jahrelang vernachlässigten Geschichte wiedergefunden und auch für den Besucher in Naumburg wird die Begegnung mit Erwin Müller, mit seiner facettenreichen Malerei und mit seinem Schicksal zweifellos eine bereichernde, wenn auch verstörende Erfahrung darstellen.

Abb., Ausschnitte: Oblastní galerie v Liberci / Text: Museum Verein Naumburg

Museum Verein Naumburg

Erwin Müller "Jahrmarkt" (1927)
Erwin Müller "Jahrmarkt" (1927)

Einst hatte der 1893 in Reichenberg (heute Liberec, CZ) geborene Maler als Vertreter der Neuen Sachlichkeit zur zweiten Generation der deutschsprachigen bildenden Künstler aus Böhmen, Mähren und Schlesien gehört.

Seine vielversprechend begonnene Karriere in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit wurde durch den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen jäh abgebrochen. Als "ausgesiedelter" Sudetendeutscher im mittleren Alter fand er in der DDR keinen künstlerischen Neubeginn.

Er ist ein Lehrbuchbeispiel für die Maler einer verlorenen Generation, die im kollektiven Gedächtnis weder der Tschechoslowakei noch der DDR einen Platz finden sollten.

Nach Naumburg war Müller schon unmittelbar nach dem Krieg gewonnen, 1946 hatte er an der ersten Nachkriegsausstellung "Naumburger Künstler" teilgenommen. Bis 1958 arbeitete er freischaffend als Maler und "Gebrauchsgraphiker", aber schon zwei Jahre zuvor hatte die Grafik-Sektion des Verbandes Bildender Künstler versucht, Müller die Verbandsmitgliedschaft - und damit die Lebensgrundlage - zu entziehen. Man begründete den Vorstoß mit dem mangelnden "Niveau" seiner grafischen Arbeiten, es mag aber auch eine Rolle gespielt haben, dass Müller sich der "gesellschaftlichen Arbeit" beharrlich verweigert hatte.

Nachdem er in den Ruhestand gegangen war, besserte er sich seine karge Rente gelegentlich dadurch auf, dass er schlichte ländliche Idyllen malte, oft nach recht kitschigen Postkartenmotiven, die ihm die vorwiegend ländliche Kundschaft brachte, oder er fertigte Porträts nach Fotos. All die Jahre von 1946 bis zu seinem Tod lebte und arbeitete er in einem einzigen Zimmer in der Naumburger Burgstraße, in einer Wohnung, die sich eine mehrköpfige Familie mit ihm teilen musste.

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REINER ECKEL Jahrgang 1953, wohnt in Zeitz. Der Web 2.0-Enthusiast ist in Sachen Web, Grafik und Layout als Autodidakt unterwegs. Betreibt zeitzonline.de seit 23. Februar 2011.

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