Faszinierende Blicke in die Geschichte

Faszinierende Blicke in die Geschichte

Zeitzer Stiftsbibliothek zeigt ihre Schätze

Ob denn wohl alle Zeitzer schon um die Schätze wüssten, die in der Zeitzer Stiftsbibliothek gehegt und gepflegt werden. Ob denn alle Zeitzer schon ihren Besuch in dieser einzigartigen Bibliothek hinter sich hätten. Das waren so die ersten Fragen, die mir heute morgen in den Sinn kamen angesichts der überschaubaren Zahl an Interessenten.

Heute nämlich (7.11.15) konnten sich Zeitzer Einwohner erstmals kostenlos und sachkundig begleitet durch 1.500 Jahre Buchgeschichte führen lassen. Zweimal im Jahr, jeweils im März und November wollen die Vereinigten Domstifter diesen Service anbieten.

Die kamen erhielten faszinierende Einblicke in die Welt des Buches und der Schrift. Das wohl wertvollste Stück hob sich Matthias Ludwig für den Schluss seiner Führung auf. Nachdem die Besucher zuvor schon über Handschriften aus dem 9. Jahrhundert staunen konnten, setzte sie die „Zeitzer Ostertafel“, eine Handschrift von 447 vollends in Verzückung. Zeitz besäße mit dieser Sammlung wohl über die ältesten Handschriften Deutschlands überhaupt, bemerkte stolz Matthias Ludwig, der die Stiftsbibliothek wissenschaftlich bearbeitet.

Hier in Besitz der Bibliothek ist auch die „Mappa mundi Cicensis“ von 1470. Diese Zeitzer Weltkarte enthält als einzige in Deutschland erhaltene mittelalterliche Karte, also vor der Entdeckung der sogenannten Neuen Welt. Ein unschätzbar wertvolles Stück (mehr dazu unten im Reiter „Videos“).

Ludwig führte mit seinem fundierten Fachwissen sachkundig durch diese erhabenen Räumen und hatte zu manchem Exemplar spannende Geschichten parat. Etwa die, wie ein Buch Bischof Julius Pflugs, von dessen Existenz die Bibliothek durch die Ankündigung einer Versteigerung erfuhr. Um vor der Auktion in Besitz des wertvollen Stückes zu gelangen , mussten binnen kürzester Zeit 40.000 Euro für den Erwerb beschafft werden.

Die Stiftsbibliothek wird übrigens ein zentraler Ort der kulturhistorischen Ausstellung 2017 „Dialog der Konfessionen. Bischof Julius Pflug und die Reformation“ sein. Denn einen beträchtlichen Teil der Sammlung macht die Bibliothek eben dieses letzten katholischen Bischofs aus, deren Erhalt er testamentarisch verfügte.

Stiftsbibliothek

Die als Zeitzer Stiftbibliothek heute institutionell unter einem Dach zusammengefassten Zeitzer Buchbestände setzen sich aus verschiedenen, ursprünglich eigenständigen Büchersammlungen zusammen. Es ist einmal die sich im Verlauf des 14. Jahrhunderts institutionalisierende bischöfliche Bibliothek mit ihren wertvollen Handschriften, Inkunabeldrucken und Drucken des frühen 16. Jahrhunderts. Parallel dazu bildete sich am Zeitzer Kollegiatstift St. Peter und Paul eine Institutsbibliothek heraus. Sie hat sich nahezu geschlossen erhalten und ist mit ihren 500 Handschriften und Druckausgaben des 14. bis frühen 16. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum in dieser Form nahezu einzigartig.

Den mit Abstand bedeutendsten historischen Teilbestand stellt jedoch die Privatbibliothek des letzten, 1563 verstorbenen Naumburger Bischofs Julius Pflug dar. Julius Pflug darf mit Recht als der wohl bedeutendste Gegenspieler Martin Luthers bezeichnet werden. Er war einer der letzten katholischen Würdenträger im mitteldeutschen Raum. Seine bereits von den Zeitgenossen als bedeutend bezeichnete Bibliothek hinterließ er testamentarisch seinen Amtsnachfolgern in Zeitz. Mit knapp 1.200 Bänden gehört Pflugs einzigartige Bibliothek europaweit zu den wenigen Beispielen, in denen sich ein derartiger Bestand nahezu geschlossen am ursprünglichen Bibliotheksstandort erhalten hat.

Von größeren Verlusten in den letzten Jahrhunderten verschont, gehören heute knapp 400 mittelalterliche und 450 frühneuzeitliche Handschriften ebenso zum Bestand der auch in den sich anschließenden Jahrhunderten systematisch erweiterten Sammlung wie auch ungefähr 400 Inkunabeln und rund 30.000 Drucke des 16. bis 18. Jahrhunderts. Hervorzuheben ist die Geschlossenheit der historisch gewachsenen Bestände. Das gilt insbesondere für die Sammlungsteile mit Drucken des 16. und 17. Jahrhunderts. Im Falle der Drucke des 16. Jahrhunderts aus der Sammlung Pflugs werden sie um den reformationsgeschichtlich bedeutsamen schriftlichen Nachlass des letzten Naumburger Bischofs erweitert. Herausragende Stücke sind, um nur einige Beispiele hier folgen zu lassen, die Fragmente der Zeitzer Ostertafel aus dem 5. Jahrhundert, ein lateinisch-althochdeutsche Beichte des frühen 9. Jahrhundert oder die einzigartige Ptolemaeus-Handschrift von 1477 mit der Zeitzer Weltkarte. Besondere Erwähnung verdient auch die umfangreiche Kartensammlung des 17. und 18. Jahrhunderts.

Im Mai 2005 wurde die am alten Standort akut bedrohte Sammlung einschließlich ihrer Archivbestände nach umfangreichen baulichen Vorbereitungen geschlossen umgesetzt. Notwendig wurde dieser Schritt angesichts gravierender Versäumnisse in der jüngeren Zeit. Die politischen Verhältnisse der letzten acht Jahrzehnte hatten nicht nur dazu, dass die einzigartige Sammlung weitgehend in Vergessenheit geriet. Unzureichende klimatische und sicherheitstechnische Zustände am alten Bibliotheksstandort, denen bereits einzelne Bücher unwiederbringlich zum Opfer gefallen waren, bedrohten den Fortbestand des einzigartigen Bücherschatzes substantiell.

Aufstellung fand die Bibliothek in dem im 17. Jahrhundert errichteten Torhaus des Schlosses Moritzburg in Zeitz, deren historisches Ensemble die Sammlung seither abrundet. Hier hatte die Sammlung bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert für kurze Zeit gestanden. Im Zuge der Vorbereitung der Landesgartenschau 2004 war das Gebäude aufwendig saniert worden. In Vorbereitung der Umsetzung der Bestände erfolgte der Einbau einer den aktuellen Standards entsprechenden Sicherheits- sowie Brandschutzanlage, wobei hier, was zur Installierung einer Inergen-Anlage führte, insbesondere den Erfahrungen des Brandes in Weimar Rechnung getragen wurde.

Text, Abb.: Vereinigte Domstifter

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About The Author

REINER ECKEL Jahrgang 1953, wohnt in Zeitz. Der Web 2.0-Enthusiast ist in Sachen Web, Grafik und Layout als Autodidakt unterwegs. Betreibt zeitzonline.de seit 23. Februar 2011.

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